Ein Text von Hagen Scheffler, Lübeckische Blätter 13/2025
„Geburtstagsgeschenk“ zum 125. Jahr des Bestehens des Elbe-Lübeck-Kanals?
Die Industrie- und Handelskammer Lübeck (IHK) und Lübeck Port Authority (LPA) hatten am 17. Juni 2025 zur Pressekonferenz eingeladen, um die Ergebnisse eines Gutachtens zur möglichen Zukunft des Elbe-Lübeck-Kanals (ELK) zu präsentieren. Ansonsten nahm das offizielle Lübeck keine Notiz von dem vor 125 Jahren durch Kaiser Wilhelm II. eröffneten Kanal, da die Hansestadt zusammen mit der IHK Lübeck die mehrere Tage dauernden Festlichkeiten der Fehmarn-Belt-Days organisierte.
Hans-Christoph Burmester, Gutachter, Fraunhofer-Center für Maritime Logistik und Dienstleistungen CML, erläuterte das Ergebnis des Gutachtens, das eine Möglichkeit für
die Zukunftsfähigkeit des ELK bietet. Die Studie hatten IHK und LPA in Auftrag gegeben. Idee für den erfolgreichen Weiterbetrieb des ELK besteht in mehr oder weniger autonom fahrenden Schubverbänden, digital gesteuert. Schubverbände hatte es im ELK immer schon gegeben. Neu ist die Vision von zumindest teilautonomem Schiffsverkehr, sie beruht auf einer Machbarkeitsstudie, die nicht direkt für den ELK konzipiert war. Aber auf diese Weise könnte eventuell der Zeitraum überbrückt und bis zum Vollausbau des ELK genutzt werden. Ob er je voll ausgebaut wird bzw. ausgebaut werden soll, ist nicht bekannt. Ob sich die IHK Lübeck zukünftig weiterhin dafür einsetzen wird, ist mit der Aussage von Jochen Brüggen, dem amtierenden Präses der IHK zu Lübeck, am Tag des 125-jährigen Jubiläums zumindest unsi-
cher geworden: „Der 125 Jahre alte Kanal, mit genauso alter Technik, ist eine Last für alle. Daher besteht kein Grund, ein Jubiläum zu feiern.“ Die auf dem Kanal verkehrenden Schiffe seien „Oldtimer“ und „nicht wirtschaftlich“. Irritierend ist, dass nicht einmal die mit dem Bau des ELK verbundene enorme Ingenieurleistung von Peter Rehder und das historisch einmalige System der Schleusentechnik ein Wort der Würdigung erhalten haben.

Sanierung der Berkenthiner Schleuse 1950
Zur Aktualität des Gutachtens
Eine Nachfrage zur Aktualität des Gutachtens beim Nautischen Verein Lübeck (NVL), der im ELK-Arbeitskreis der IHK seit Jahren als Aktivposten mitarbeitet, erbrachte aufschlussreiche Ergebnisse: Der NVL wusste von der anberaumten Pressekonferenz nichts, war also nicht eingeladen und wusste als Insider des ELK-Arbeitskreises nichts von einem in Auftrag
gegebenen Gutachten. Nach Veröffentlichung des Berichts in den LN erläuterte Kapitän Jürgen Schlichting, langjähriger Vorsitzender des NVL bis 2024, dass das vorgestellte
Gutachten längst bekannt sei und bereits auf einer IHK-Veranstaltung auf dem Gelände der Reederei Lehmann 2023 diskutiert worden sei. Auch bei einer IHK-Veranstaltung in Lauenburg 2023 mit dem stellvertretenden Hauptgeschäftsführer Rüdiger Schacht ist das Problem schon ausführlich erörtert worden. Die Eigentümer der dortigen Hitzler Werft hatten Interesse am Bau von modernen Schiffseinheiten gezeigt, die autonom im vorhandenen Fahrwasser Fracht transportieren können. Auf anderen Binnenwasserstraßen ist man inzwischen schon weiter. Auf dem Rhein hat sich z.B. BASF mit der Entwicklung eines neuen Transportschiffs darauf eingestellt, das auch bei Niedrigwasser von nur 1,60m Wassertiefe fährt. Für den ELK gibt es zwar hinreichend Güter, die per Binnenschiff günstig transportiert werden könnten wie Holz, Düngemittel, landwirtschaftliche Produkte, Baumaterialien, Schrott, Großprodukte wie Flügel von Windrädern etc. Aber es gibt dafür keine geeigneten Schiffe mehr. Das Problem des ELK liegt also nicht nur im mangelnden Ausbau, sondern auch darin, dass seitens der Industrie und des Handels nicht wagemutig in neue Schiffstypen investiert wird, die für eine Übergangszeit den Kanal in den bestehenden Ausmaßen befahren können. Nur wenn die Wirtschaft den ELK auch als eine Chance einstuft und kurz- und mittelfristig mutig handelt, dürfte langfristig auch ein Vollausbau des ELK realistisch sein. Ansonsten scheinen trotz der Bestandssicherung von weit über die 100 Mio. investierten Euros seit 2000 die bereits eingetretenen Folgen unabwendbar: Verlagerung von möglichen schiffbaren Massengütern und Großtransporten auf die jetzt bereits überlasteten Straßen und Nutzung des Kanals für maritimen Tourismus, Sportboote und sonstige Freizeitmöglichkeiten.
Nicht beachtete und gescheiterte Ausbau-Möglichkeiten des ELK
Allein in den letzten 25 Jahren sind ernst zu nehmende Versuche, den ELK für den trimodalen Verkehr in Norddeutschland auszubauen, gescheitert. Auf dem Elbschifffahrtstag am 16. Juni 2000 in Lübeck (MuK) hat die Ingenieurin Bettina Kalytta, Leiterin des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamtes Lauenburg, auf die Probleme des ELK hingewiesen und dringend für den schnellen Ausbau plädiert, da nach ihrer fachlichen Einschätzung die historischen Schleusen innerhalb von 25 Jahren abgängig sein werden. Als erste Schleuse nannte sie die Donnerschleuse, die tatsächlich von Oktober 2024 an für 7 Monate ausgefallen ist.
In welchem Zustand befinden sich jetzt die anderen Schleusen? Trotz detailliert vorgetragener Ausbauvarianten wurde 2006 nur die Schleuse in Lauenburg durch einen Neubau ersetzt. 2016 hat die Bundesregierung in den Verkehrswegeplan 2030 für den vordringlichen Ausbau des ELK 838 Mio. Euro eingestellt. 2019 wurden vonseiten des Bundes dem Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Lauenburg 15 neue Planstellen für die Planungsarbeiten bewilligt. Das alles wurde dann 2020 für unbegrenzte Zeit gestoppt. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Negativentwicklung in der Nutzung des Kanals ist langläufig der Hauptgrund gegen einen kostspieligen Ausbau. Die Zukunft des ELK ist ungewiss. Das liegt auch an zwei unbeantworteten Fragen:
Sind inzwischen IHK und LPA zu den eigentlichen „Kümmerern“ geworden, wie es allgemein im Dezember 2024 vom Arbeitskreis ELK in der IHK gefordert wurde? Und: Welche Funktion hatte die Pressekonferenz vom 17. Juni, deren wichtigster Inhalt seit Jahren bekannt ist, ohne dass etwas Nachhaltiges passiert ist?