Die maritime Branche fordert dringend den Ausbau der Wasserstraßeninfrastruktur. Aus Berlin gibt es keine Unterstützung. Experten warnen vor den Folgen der Vernachlässigung. Kippt die Zukunft der Binnenschifffahrt?
Experten aus Wirtschaft, Logistik und Politik haben sich zum Elbschifffahrtstag in Adendorf am Elbe-Seitenkanal (ESK) getroffen. Sie fordern eine verlässliche Infrastruktur an den Wasserstraßen. Zeitgleich fiel wenige Kilometer entfernt das Schiffshebewerk Scharnebeck aus. Der Osttrog des Bauwerks ist wegen Sanierungsarbeiten gesperrt und im Westtrog hatte sich Holz unter Wasser am Trogtor verkeilt. Nichts ging mehr. Taucher mussten ran, die Schifffahrt stand für Stunden still.

Die Donnerschleuse war Monate lang dicht, die Bodenplatte musste aufwendig saniert und gesichert werden, die Schifffahrt stand still.
Quelle: Timo Jann
Fahrten auf Elbe-Lübeck-Kanal auf Rekordtief
Kein Einzelfall, wie die Branche kritisiert. Zuletzt war auch die Schifffahrt im Elbe-Lübeck-Kanal lahmgelegt, weil die Donnerschleuse aufwendig gesichert werden musste. Die Arbeiten dauerten Monate. Die Folge: Die Zahl der Binnenschiffe in der seit 126 Jahren nahezu unveränderten Wasserstraße zwischen Elbe und Trave sank auf einen neuen Rekord-Tiefstand.
Dabei gibt es gerade für den Elbe-Lübeck-Kanal (ELK) große Vorhaben. Das Logistikunternehmen Rhenus plant, mit Binnenschiffen große Bauteile für Windkraftanlagen von Rostock über die Ostsee und den Elbe-Lübeck-Kanal zur Elbe und über den Elbe-Seitenkanal und den Mittellandkanal weiter ins Binnenland zu transportieren. Hintergrund: Straßentransporte für Maschinenhäuser und Flügel werden zunehmend schwieriger. Dass der ELK für die Energiewende nutzbar ist, zeigte schon der Umschlag von tonnenschweren Trafos, die per Binnenschiff aus Süddeutschland nach Lauenburg gekommen waren.
Ausbaustopp für den Kanal
Der Elbe-Lübeck-Kanal war im Bundesverkehrswegeplan 2030 im vordringlichen Bedarf verankert. Die Kosten für den Ausbau wurden – Stand 2014 – auf 838 Millionen Euro geschätzt. Die Vertiefung des Kanalbettes auf 2,50 Meter sollte etwa 450 Millionen Euro kosten, der Ersatzbau der sechs Schleusen aus der Kaiserzeit rund 300 Millionen Euro und die Erneuerung der Brücken etwa 40 Millionen Euro. Politisch war der Ausbau stets umstritten. Das Bundesverkehrsministerium hatte schließlich Anfang des Jahres mitgeteilt: „Basierend auf den aktuellen Verkehrsprognosen im Bereich der Bundeswasserstraßen wurde der Ausbau des Elbe-Lübeck-Kanals (ELK) zunächst zurückgestellt.“
Der Elbschifffahrtstag wird alle zwei Jahre von der Elbe-Allianz organisiert. In diesem Jahr hatte sie einen Ort am Elbe-Seitenkanal ausgewählt. Er ist 115 Kilometer lang und wurde vor 50 Jahren eingeweiht. Mehr als 100 Experten tauschten sich in Adendorf darüber aus, wie die Binnenschifffahrt im Elbstromgebiet gestärkt werden könnte. Sie diskutierten auch die Herausforderungen für die Wasserstraßen im Elbstromgebiet, nannten ungenutzte wirtschaftliche Potenziale der Binnenhäfen sowie die zentrale Rolle der Binnenschifffahrt auch für den Hamburger Hafen.
Roman Fürtig, Vorstandsvorsitzender der Elbe-Allianz, verhehlte nicht, dass die Enttäuschung über die Abwesenheit des Bundesverkehrsministeriums groß war. Das sei ein Zeichen, so Fürtig. Das bewertete auch Jens Hansen, COO der Hamburger Hafen und Logistik AG (HHLA), so. „Wir sind abhängig von unserem Hinterlandverkehr“, betonte Hansen. Dazu zähle auch und gerade das Binnenschiff. Und er mahnte in Richtung der Bundesregierung, zu der viel beschworenen Resilienz gehöre auch eine funktionsfähige Infrastruktur an den Wasserstraßen. Daran aber hapere es vielerorts, so Hansen.
„Was wir jetzt sparen, zahlen wir künftig doppelt und dreifach“, argumentierte Fürtig. Denn wenn erst mal Kapitäne fehlten und Schiffsraum weggefallen sei, sei nichts mehr zu retten. Auch müsse die Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung des Bundes von der allgemeinen Personaleinsparung von acht Prozent bis 2030 ausgeklammert werden. Fürtig: „Ohne Personal können die großen Projekte nicht umgesetzt werden.“ Dazu zählt beispielsweise der Ersatzneubau des Scharnebecker Schiffshebewerkes.
„In der Politik in Berlin keine ausreichende Relevanz“
Michael Zeinert, der Vorsitzende des Bündnis Elbe-Seitenkanal, weiß, woran es hapert. „Die Wasserstraße hat in der Politik in Berlin keine ausreichende Relevanz“, sagte er, sie werde schon seit Jahren vernachlässigt. Die Funktionsfähigkeit der Infrastruktur müsse dringend hergestellt werden, dazu brauche es auch den Ersatzneubau am ESK, alles andere koste Wettbewerbsfähigkeit. Bahn und Straße würden keine Kapazitäten mehr bieten, seien außerdem für Großraum- und Schwertransporte ungeeignet. „Die Bahn bietet keine Luft mehr im Netz, und die Straßen sind überlastet“, so Hansen. Ökologisch sehe die HHLA gerade im Binnenschiff noch großes Potenzial.
„Wenn nur eine Schleuse ausfällt, wird es schnell anstrengend“, berichtete Jaana Kleinschmit von Lengefeld, Präsidentin des Verbandes der Ölsaatenverarbeitenden Industrie in Deutschland (OVID). Dann funktioniere die Lieferung just in time nicht mehr und es komme zu Produktionsausfällen. „Wir müssen Wasserstraßen erhalten, ausbauen und verbessern“, forderte sie.
Quelle: LN/Timo Jann